Aus "Zauberworte der Liebe" von Safi Nidiaye
Liebst Du mich?
Dann schone mich nicht!
Denke nicht, ich sei zu klein
um die Wirklichkeit zu ertragen,
oder zu dumm, um sie zu verstehen.
Auch wenn ich dir mit Blicken,
Worten und Gesten
zu verstehen gebe,
dass ich mich vor deinem Zorn fürchte
oder vor deiner Eigenständigkeit:
Glaube weder meinen Blicken,
noch meinen Worten
und auch nicht meinen Gesten;
glaube nur meinem wahren Wesen,
dass sich hinter der Angst verbirgt
und nichts weiter wünscht,
als dein wahres Wesen zu berühren.
Nur das ist Begegnung;
von Wahrheit zu Wahrheit,
von Herz zu Herz.
ins-leben-heben
Handfeste Nähkästchen-Philosophie, Kurzgeschichten und Gedichte
Donnerstag, 22. Dezember 2011
Montag, 12. Dezember 2011
aus "Rezept" von Mascha Kaléko
[...]
Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.
[...]
Montag, 28. November 2011
Selbstgespräche am Herd
Draußen war es finster geworden. Sie fröstelte und legte Holz in die alte Küchenhexe. Heute pfiff ein Sturm um die Häuser und sorgte dafür, dass im Nu ein ansehnliches kleines Feuer brannte. Mit einem Becher Tee hockte sie sich vor die offene Herdklappe. Wohlige Wärme breitete sich aus.
In letzter Zeit hatte sie sich ein bisschen desorientiert gefühlt. Vor ein paar Tagen war sie von einer Reise zurückgekehrt. Auf dem Tisch lag noch ihr Reisepass.
In letzter Zeit hatte sie sich ein bisschen desorientiert gefühlt. Vor ein paar Tagen war sie von einer Reise zurückgekehrt. Auf dem Tisch lag noch ihr Reisepass.
Sie las ihren Namen. Nicht nur einmal hatte er sich geändert. Zwei mal war sie verheiratet gewesen. „Wenn dieser Mensch zu mir gehört, bin ich irgendwie vollständiger, irgendwie mehr ich selbst“. Was für ein bodenloser Irrtum. Niemand konnte sie vollständiger machen. Was bedeutete ein Name? Weder mit ihrem eigenen, noch mit den anderen hatte sie sich je identifizieren können. Es erschien ihr auch nicht mehr wichtig.
Im Laufe der Zeit waren ein paar Qualifikationen zusammen gekommen. Erworbenes Wissen und Fertigkeiten trug sie in sich. Doch meist schienen Zeugnisse und Zertifikate wichtiger zu sein. Plötzlich kam ihr das alles unglaublich schräg vor. Und diese würdigen Siegel und Unterschriften hütete man nun. Einen Augenblick lang spürte sie einen starken Sog von den Flammen ausgehen. Selbst das dicke, teure Papier würde in weniger als einer Minute im Feuer verschwunden sein.
Versicherungspolicen würden sich noch schneller in flickernde Asche verwandeln. Da taten sich, aus Sorge vor dem Leben, Menschen zusammen und machten aus Einzelschicksalen, die den Betreffenden möglicherweise aus wichtigem Grund trafen, eine undurchschaubare Gesamtschicksals-Modder-Suppe mit groteskesten juristischen Auswüchsen. Dabei mitzumachen, fühlte sie sich schon längst nicht mehr wohl.
Ihre Gedanken wanderten weiter. Früher einmal hatte sie sich als Christ verstanden. Dann hatte sie sich in anderen Religionen umgesehen. Fast überall wurde selbstverständlich verlangt, dass man ein gesamtes „Glaubenspaket“ einkaufte, sogar bezeugte, um dazuzugehören. Nicht zu knapp grausam, von Menschen zu verlangen Teile ihres Herzens und ihres Hirns und damit ihre Aufrichtigkeit aufzugeben.
Nun, das sollte jeder für sich entscheiden. Ihr war im Laufe der Zeit klar geworden, dass Wege zur Wahrheit nur einsame sein konnten.
Hier hockte sie nun. Ihren Besitz hatte sie seit eh und je gering gehalten. Weniger aus asketischer Überzeugung, als aus asthmatischem Druck, den Überflüssiges in ihr erzeugte. Bei Manchem verhielt es sich genau umgekehrt. Wie verschieden die Umstände waren, unter denen sich Menschen wohl fühlten. Faszinierend.
Dabei lehnte sie Dinge keineswegs ab. Manche fand sie wunder-wunder-schön. Doch für sie waren Dinge mehr wie liebe Besucher, die nach angemessener Zeit weiterziehen. Warum sollten schöne Sachen, die vielleicht einmal teuer gewesen waren, und die sie nur dann und wann einmal hervorholte, entzückt betrachtete, aber irgendwie nicht mehr verwendete, ihr Heim verstopfen? Es fanden sich immer Menschen, denen sie auch gefielen und bei denen sie zum Einsatz kamen.
Und wozu gab es Museen, Ausstellungen und die herrlichsten Geschäfte? Stand ihr der Sinn nach Prunk und Augenweide, konnte sie sich dort entzücken. Ab und zu genoss sie das sehr. Ebenso auch das Bewusstsein, all die Schönheit nicht besitzen und verwalten zu müssen.
Was, wenn man eines Tages auch seine persönliche Geschichte aufgeben würde? Ein freier „Niemand“ zu sein, ohne sich mit einer beindruckenden, oder, wenn schon das nicht, immerhin einer ungewöhnlichen, oder, wenn nichts davon, so doch wenigstens mit einer traurigen Geschichte zu identifizieren? Dann gäbe es kein Bild mehr, das man vor sich selbst oder anderen meinen würde, wahren zu müssen. Alles dürfte vollends sein, wie es ist und auch letzte „musts“ und „don’ts“ im Kopf würden sich auflösen. Welch beunruhigende, verlockende Vorstellung…
Lächelnd nahm sie einen Schluck Tee, während die Flammen ihren Blick und die Gedanken davon trugen.
Dienstag, 18. Oktober 2011
Meerleuchten
Ein kleiner, bunter Blumenkranz schaukelte auf den Wellen, nachdem Hermines sterbliche Hülle ins Meer gesunken war. Man war hinausgefahren, um der
Hebamme das letzte Geleit zu geben. Sechsundzwanzig Jahre, mehr als die Hälfte ihres Lebens, hatte Hermine die Kinder der Gemeinde gehoben.
Der letzte Winter war ihr schwer geworden. Jeden Tag hatte die Schwäche mehr Besitz von ihr ergriffen.
Nun leuchteten Äpfel in den Bäumen und morgens vermischte sich die Seeluft schon mit erstem, erdigen Herbsthauch.
Zeitig hatte Hermine verfügt die letzte Ruhe im Meer zu finden. Ihr Mann war zur See gefahren. Sie hatten sich immer nur wenige Wochen im Jahr sehen können. Von seiner letzten Reise war Johanns Schiff nicht mehr zurückgekehrt.
Nicht der erste Kummer der Hermine schwer getroffen hatte.
Fünf Mal war sie guter Hoffnung gewesen. Fünf Mal hatte sich Ihr Leib schon deutlich gerundet, doch jedes ihrer Kinder war vor der Zeit zur Welt gekommen.
Manche glaubten, auf ihr laste ein böser Fluch. Doch die Frauen riefen sie gern, denn Hermine hatte sanfte Hände.
Während der schweren Stunden stand sie den Müttern geduldig zur Seite. Solange die Kreißenden nur ihrer beruhigenden Gegenwart bedurften, strickte Hermine kleine Häubchen.
Nach getaner Arbeit sah man sie bisweilen vor ihrem Häuschen sitzen und sorgfältig den Namen des Neugeborenen in die Handarbeit sticken. Jedes gehobene Kind beschenkte sie mit solcher Gabe.
Die letzten vier Jahre war Hermine von einer jungen Frau begleitet gewesen. Ob der Schande ihres Leibes hatte Jordis ihr Zuhause verlassen müssen und hatte Zuflucht im Haus der Hebamme gefunden. Dort war ihr kleines Mädchen zur Welt gekommen.
Es zeigte sich, dass Hermine eine wache, geschickte Nachfolgerin in ihr gefunden hatte. Nachdem die Kleine entwöhnt war und von der Nachbarin gehütet werden konnte, begleitete Jordis die Hebamme bei ihrer Arbeit. Über die Jahre war sie umfassend in die Kunst der Geburtshilfe eingeweiht worden. Im letzten Jahr hatte sie die Prüfung in der nahegelegenen Stadt abgelegt.
Nun trieb ein loser, kleiner Blumenteppich im Kielwasser des Schiffs. Jähe Trauer schnürte Jordis Hals. Das Häuschen, ihr geburtshilfliches Wissen, die Instrumente und den reichen Heilkräutergarten – all das verdankte sie der alten Freundin. Sie war es auch gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass Jordis nach und nach ein Ansehen in der Gemeinde gewonnen hatte. Über die Zeit waren die Beiden zu vertrauten Gefährtinnen geworden. Wie oft hatte ein Blick zu ihrer Verständigung genügt.
Es war Jordis nicht entgangen, dass Hermine Trauer in sich trug. Nicht nur einmal hatte sie beobachtet, wenn Anspannung einem freudigen Ereignis gewichen war, wie ein kurzer Schatten über Hermines Gesicht gezogen war. Manches Mal hatte sie sich gefragt, ob die Tränen, die in solchen Augenblicken auch in den Augen der Hebamme standen, nur die des Glückes über das Wunder des neugeborenen Kindes waren.
Und doch hatte es sich auf eine stille Art vergnügt mit Hermine gelebt. Sie hatte viel Freude an Jordis Töchterchen gehabt und sich nur selten schlechte Tage erlaubt.
Dann hatte sie sich in ihre Kammer zurückgezogen und sich in einer Abseite des Raumes vor einem kleinen Schränkchen niedergelassen. Jordis vermutete, es handele sich um eine Art Herrgottswinkel. Der einzige Bereich des Hauses, den sie stets verschlossen hielt und den zu betrachten sie Jordis niemals eingeladen hatte.
Von den Bestattungsfeierlichkeiten zurück, scheute Jordis sich Hermines Allerheiligstes anzurühren. Zwei Tage zuvor hatte die Freundin sie gebeten, gleich nach der Bestattung ihren dort hinterlegten letzten Willen entgegenzunehmen.
Jordis fasste sich einen Moment, dann öffnete sie die Türen des Schränkchens.
Zu ihrer Verwunderung fanden sich weder Madonnen noch Heiligenbildchen. Fünf weiße Kinderhäubchen, nebeneinander aufgestellt, leuchteten ihr im Dämmerlicht entgegen. Jedes mit Namen bestickt. „Sonnwinn“, „Hannrich“, „Margelein“, „Grethlin“ und „Thomen“, las Jordis der Reihe nach.
Sie streckte die Hand aus und fühlte kühles Glas unter der zarten Strickerei. Vorsichtig hob sie ein Häubchen – und erschrak. Es hatte eine Art Einmachglas bedeckt. Darin ein zartes Frühgeborenes, vollständig ausgebildet, nur deutlich blasser als lebende Kinder.
Vom ersten Schrecken erholt, enthüllte sie auch die anderen Gläser. Vor ihr reihten sich fünf winzige Menschlein, umgeben von farbloser Flüssigkeit.
Hermines totgeborene Kinder.
Der geringen Größe nach zu urteilen, mussten alle etwa um den fünften, sechsten Mondmonat zur Welt gekommen sein. Mit zitternden Händen griff sie nach Hermines Brief.
„Liebe Jordis,
ich kann mir vorstellen, wie erschüttert Du vor meinem wohlgehüteten Geheimnis stehst.
Erinnerst Du dich, wie Du manchmal meine Stärkt bewundert hast, wenn es einmal größere Herausforderungen bei einer Entbindung gab?
Nun siehst Du, dass ich auch sehr schwach war. Meine Kleinen - ich hab sie nicht hergeben können.
Du hattest mich gefragt, womit Du mir einmal so richtig Gutes tun könntest.
Zum Abschied bedarf deine alte Freundin nun einmal deiner "Hebammendienste".
Nicht ohne die Kinder will ich mich auf die Suche nach Johann machen. Wie sehr hab ich darauf gewartet. Ich ahne, was mein Wunsch dir abverlangt.
Bitte befreie die Kleinen, binde sie fest in das lange Leinentuch und bring sie mir hinaus ins Meer. Ich werde dort auf Euch warten.
Sei umarmt, Jordis.
In Dankbarkeit - Hermine“
Niemand sah die junge Frau am Abend auf spiegelglatter See hinaus rudern. Erst als der Mond schon hoch am Himmel stand, zog sie das Boot leise knirschend zurück auf den Sand.
Erschöpft fiel sie neben dem schlafenden Kind ins Bett. Bar jedes Gedanken lauschte sie den leisen Atemzügen ihrer Tochter.
Ihr träumte, sie führe in gläsernem Boot über hellgrün leuchtendes Meer. Durch den Boden des Schiffes erblickte sie eine Wasserfrau und einen Wassermann, mit fünf munteren Wasserkindern, die lachten und ihr glitzernd zuwinkten, ehe sich ihr Bild in der Tiefe verlor.
© Freya
Montag, 3. Oktober 2011
Mitten im Jetzt
Wer Lust hat, sich selbst ein bisschen näher zu kommen, kann sich fragen, welche Momente ihm einfallen, in denen er das Leben in sich gespürt hat.
Ein paar spontane Erinnerungen:
Ein paar spontane Erinnerungen:
- Während des Entwurfs und wochenlangen Baus eines großen Puppenhauses für meine damals noch viel zu kleine Tochter
- Wenn ich vor lauter Frühling in frische Birkenzweige beißen musste
- In herzoffenen, wesentlichen Gesprächen mit fremden Menschen, in deren Anschluss jeder seiner Wege ging, um eine besondere Erfahrung von Nähe reicher
- Während radikaler Reduktionen meines Besitzes auf ein Minimum
- Oft beim Starten, wenn ich so angenehm in den Sitz eines Fliegers gepresst wurde (ganz im Gegensatz zu Landungen, die ich hasse)
- Manchmal beim Tanzen, wenn ich in ein starkes Fließen eingtaucht bin
- Wenn die Hitze der Sauna mein Denken zur Ruhe brachte
- Unmittelbar nach einer Trennung, während einer Indienreise, mutterseelenallein und noch heulend auf einem Marktplatz stehend zu spüren, wie plötzlich eine neue Kraft über mich kommt, die mir hilft mich vertrauensvoll ins Unbekannte zu stürzen
- während einer frühmorgendlichen Fahrt, elbabwärts
- wenn ich mich mal ungestört über meine Stimme ausdrücken konnte, auch jenseits von dem, was man unter Gesang versteht
- Beim stillen Beobachten weitausholender, hellgrünleuchtender, Lichtpeitschen am dunklen Himmel
- Wenn ich nachts die Wildgänse rufen höre
- Bei so ziemlich jedem Übergang in den Schlaf
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